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“Glück Auf!” Semmering Basistunnel

ÖBB Infobox Gloggnitz © DLC Romana Steko-Papousek

Unsere Exkursion zum Semmering Basistunnel war wieder höchst interessant. Mit dem Koralmtunnel ist der Semmering-Basistunnel Teil der wichtigen Nord-Süd-Bahnverbindung, dem sogenannten Baltisch-Adriatischen Korridor, der vor allem in der Logistik neue Möglichkeiten eröffnet.

Insgesamt werden 200 Kilometer Bahnlinie modernisiert, 170 Kilometer neu gebaut, 80 km neue Tunnel und 150 neue Brücken errichtet. Die zum Weltkulturerbe gehörende Ghega-Bahn über den Semmering ist den modernen Anforderungen schon lange nicht mehr gewachsen, deshalb wird der Semmering-Basistunnel ein neuer wichtiger Teil sein, mehr Transporte von der Straße auf die Schiene zu verlegen.  Vor allem die aufstrebenden Häfen Koper und Triest werden so von Österreich aus schneller und vor allem auch mit höheren Tonnagen per Bahn erreichbar sein.

Dipl.-Ing. Dieter Haas, ÖBB © DLC Romana Steko-Papousek

In der Infobox in Gloggnitz erhielten wir durch Herrn Dipl.-Ing. Dieter Haas, ÖBB-Infrastruktur AG eine umfassende Einführung zu den technischen und logistischen Herausforderungen sowie ein paar Anekdoten zum Thema Grundstücksablösen unter der Erde, dieses im Endausbau 27,2 km langen Tunnels. Die meisten Tunnelkilometer werden derzeit zwar in China gebaut, trotzdem ist der Semmering-Basistunnel eine Meisterleistung und reiht sich knapp vor dem Teilchenbeschleunigertunnel der CERN in Genf mit 26,659 km ein. Der Brenner-Basistunnel wird nach derzeitigem Stand mit 64 km der längste der Welt werden:

U-Bahn-Linie 3 (Guang-zhou) 60.400 m Volksrepublik China CN Guangzhou U-Bahn 2010
Gotthard-Basis-tunnel 57.104 m Schweiz CH Alpen Eisenbahn 2016 Längster Tunnel der Erde[1]
U-Bahn-Linie 10 (Peking) 57.100 m Volksrepublik China CN Peking U-Bahn 2012
Seikan-Tunnel 53.850 m Japan JP Tsugaru-Straße Eisenbahn 1988 2 unter-irdische Bahnhöfe, Meeres-unter-querung
Eurotunnel 50.450 m Frankreich FR
Vereinigtes Königreich GB
Ärmel-kanal Eisenbahn 1994

Quelle: Wikipedia

Vor allem die geologischen Herausforderungen fordern Menschen und Maschinen täglich heraus. Der Semmering gilt quasi als Schutthalde für alle Gesteinsarten, die es in den Alpen gibt. So sind die IngenieurInnen und Mineure – leider gibt es noch keine Mineurinnen – täglich mit Überraschungen konfrontiert. Hier bewährt sich die NÖT – Neue Österreichische Tunnelbautechnik – besonders, da es nur Teilausbrüche gibt, die sofort durch Spritzbeton und Anker gesichert werden können. So kann schnell auf neue geologische Gegebenheiten reagiert werden.

Insgesamt müssen für die letztendlich 27,3 km Eisenbahntunnel insgesamt 62 km Tunnel durch den Semmering gebaut werden. Dazu gehören zwei getrennte Röhren, die durch Querschläge miteinander verbunden werden, sowie diverse Zugangsschächte und -stollen. In der Mitte des Tunnels wird es in 400 m Tiefe einen Nothaltestelle geben, der im Notfall angefahren werden kann und über den Passagiere und Personal aus dem Tunnel gebracht werden können. Somit entspricht dieser Tunnel den höchsten Sicherheitsanforderungen, die es derzeit im Tunnelbau gibt. Der “Angriff” erfolgt von fünf Stellen: An den Einfahrts- und Ausfahrtsstellen Gloggnitz und Mürzzuschlag sowie über die Baustellen Grautschenhof, Fröschnitzgraben und Göstritz. Täglich werden im Dreischichtbetrieb 3 bis 5 Meter Tunnel gegraben. Insgesamt sind bei diesem Projekt über 4.500 Menschen beschäftigt, allein am besichtigten Teilabschnitt Göstritz sind 240 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb im Einsatz. Verbessern ließe sich noch der Frauenanteil an solchen Projekten: Lediglich eine Frau ist als Technikerin vor Ort beschäftigt!

Nach dem beeindruckenden theoretischen Einblick in die Technik und Logistik eines solchen Großprojektes und konnten wir uns vor Ort davon überzeugen, welche Meisterleitstungen auf einer solchen Baustelle unter Tag vollbracht werden. Wir fuhren mit Kleinbussen direkt in die Versorgungstunnels am Standort Göstritz. Diese Tunnels werden nach Fertigstellung wieder zugeschüttet. Allerdings haben sich mittlerweile schon einige für andere Nachnutzungen beworben. Vom Übungsstollen für Feuerwehr und Bundesheer bis zu Clubbingveranstaltern zieht sich der Bogen der InteressentInnen.

Wenn man sieht unter welchen Bedingungen Menschen dort arbeiten, zollt das viel Respekt. Unter Tag ist man über alle religiösen und ethnischen Grenzen hinweg eine eingeschworene Gesellschaft, die von Tunnel zu Tunnel zieht. Unter den ÖsterreicherInnen sind vor allem Personen aus der Steiermark und Kärnten vertreten. Der Ausbruch wird bei Fertigstellung rund 6 Mio. m³ betragen. Daraus könnte man zwei Cheops-Pyramiden bauen! Das Ausbruchsmaterial wird sortiert entweder im Longsgraben deponiert bzw. von Gloggnitz und Mürzzuschlag per Bahn auf diverse Deponien verbracht. Das Wasser, das aus dem Berg kommt wird in Sammelbecken vor den Baustellen aufbereitet und darf nur unter besonderen Auflagen in die umliegenden Bäche geleitet werden. Einerseits ist der ph-Wert zu hoch, andererseits weicht die Temperatur ab. Dies würde eine ökologische Katastrophe verursachen, wenn man Abwässer direkt in Bäche einleitet. Andererseits muss frische Luft von draußen in den Berg gebracht und wieder abgeleitet werden.

Versorgungsschacht Margit Schacht 2 © DLC Christine Reiterer

Über zwei senkrechte Schächte, Margit 1 und Margit 2, werden Personen und Material auf die eigentliche Baustelle gebracht. Derzeit ist erst einer dieser Schächte fertig gestellt. Die Herstellung dieser Schächte ist eine besondere Strapaze, den es muss laufend mit Wassereinbrüchen gerechnet werden. Dann stehen die Arbeiter im Wasser und die beste Schutzkleidung hilft nichts, denn das Wasser läuft bei den Ärmeln hinein und sammelt sich in den Stiefeln, bis diese übergehen. Böse Zungen behaupten, dass der Projektleiter dort absichtlich geduscht worden sei, als er eine Besichtigung vor Ort machte. Ob sich das auf die Löhne dieser Arbeiter positiv ausgewirkt hat, ist nicht überliefert.

Nach der Ausfahrt ließen wir diesen interessanten Tag beim Get-Together im Looshaus am Kreuzberg bei gebackenen Steinpilzen und gepflegten Getränken ausklingen. Es hat sich gezeigt, dass hier eine neue „Community“ mit wir-Gefühl entsteht, die sich aktiv über Themen in der Logistik austauschen will.

Für jene die nicht dabei sein konnten: Am 20. Oktober 2018, 9:00 bis 18:00 Uhr, gibt es den Tag der offenen Baustelle. Tunnelführungen sind nur für eine begrenzte Anzahl an BesucherInnen möglich. Sollten Sie keines der begehrten Tickets (first-come-first-serve) bekommen, gibt es vor Ort noch die Chance auf Resttickets. Hier geht es zur Anmeldung. Viel Glück!

Aktuelle Infos der ÖBB-Infrastruktur AG zum Semmering-Basistunnel finden Sie hier!

Zubringerstollen Göstritz © DLC Christine Reiterer

Zubringerstollen Göstritz © DLC Christine Reiterer

© DLC Romana Steko-Papousek

Aushubsortierung und Abtransport Gloggnitz © DLC Romana Steko-Papousek

Baustelle Portal Gloggnitz © DLC Romana Steko-Papousek

Baustelle Portal Gloggnitz © DLC Romana Steko-Papousek

 

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