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Gelungener 1. DLC-Online-Stammtisch „Grätzl & Hub“

Am 18. März 2021 fand im DamenLogistikClub eine Premiere statt: Aufgrund der anhaltend schwierigen Corona-Situation haben wir uns dazu entschieden, unsere Treffen bis auf weiteres online abzuhalten. Der zweimal wegen „Corona“ verschobene DLC-Stammtisch „Grätzl & Hub“ durfte diese Premiere gestalten.

Ein hochmotiviertes Referentinnen-Team mit Alexandra Anderluh, Beate Hauser und Pamela Nolz sowie Andrea Buchecker haben uns einen interessanten und abwechslungsreichen Abend beschert.

Unser Vorstandsmitglied Doris Pulker-Rohrhofer führte professionell durch die Veranstaltung und nach der Begrüßung stellten sich unsere neuen Mitglieder Margaretha Gansterer von der Universität Klagenfurt und Claudia Kohlros vom Hamburger Hafen Marketing e.V. Zeit kurz vor. Wir freuen uns sehr, zwei neue kompetente Frauen mit dabei zu haben. Herzlich Willkommen!

Studie Grätzl-Hub

Danach wurde es wissenschaftlich: Alexandra Anderluh und Pamela Nolz haben an der WU Wien begonnen ein Projekt aufzusetzen, um die Möglichkeiten von sogenannten Grätzlhubs zu erforschen. Beide führen dieses Projekt nun an der FH St. Pölten fort: Unter welchen Umständen können solche neuen Treffpunkte sozial und ökonomisch gut funktionieren? Welche zusätzlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein? Welche Services können angeboten werden? und vieles mehr. Als Praktikerin, die bereits Erfahrungen mit solchen Hubs sammeln konnte, kam Beate Hauser von Goodville Mobility an Bord. Sie betreibt Fahrradprojekte aller Art.

Die Ausgangslage ist, dass heute in den Innenstädten eine Armada von Kleintransporter unterwegs ist, die die Fußgängerzonen versperren oder aufgrund mangelnder Parkplätze im Stadtgebiet oft gezwungen sind, in zweiter Spur stehen zu bleiben. All dies verursacht Lärm und Schadstoff-Emissionen. Dazu kommen hohe Kosten durch mehrfache Zustellversuche, falls Empfänger*innen nicht angetroffen werden. Das ist für alle Stakeholder eine unbefriedigende Situation.

Das Lastenfahrrad ist keine Erfindung unserer Zeit, sondern das gibt es, seit es Fahrräder gibt. Jede von uns kennt diese Bilder aus Asien, wo sogar Autos und die ganze Familie auf Fahrrädern transportiert werden! Also heißt es in bestimmten Bereichen „Back To The Roots“. Mit der Elektrifizierung von Rädern ergeben sich für unsere Städte ganz neue Möglichkeiten: Eine leise, saubere, termingerechte und sozial verträgliche Zustellung entweder von markenneutralen Grätzlhubs oder örtlichen Unternehmen direkt in die Wohnung oder Geschäft der Kund*innen.

Der Grätzlhub soll dabei nicht nur als Pickup-Store für Pakete dienen sondern auch als soziales Zentrum fungieren, wo man sich austauschen und treffen kann. Dafür sollen leerstehende Geschäfte genutzt werden und zu neuem Glanz kommen. Wichtig ist, dass die Anlieferung dieser Hubs von hinten erfolgt, damit die Vorderseite einladend bleibt.

Das wissenschaftliche Projekt hat sich mit Aufgabenstellungen wie Verbesserung der Zustellung von Paketen in Städten mit der Perspektive auf Nachhaltigkeit, Berücksichtigung der Liefermengen und Ad-hoc-Lieferungen, multimodalen Lieferungen mit Cargo-Bikes und Vans, Umladung an den Hubs bzw. an Übergabestellen etc. auseinander gesetzt. Gesucht wurde, welche Standorte sich für Hubs besonders gut eignen und wie Cargo Bikes möglichst gut durch die Stadt geleitet werden. Ein wesentlicher Aspekt war auch der Fokus auf den sozialen Mehrwert von solchen Hubs für das Grätzl und die dort lebenden Menschen.

Entgegen der aktuellen Paketshops sollten diese Hubs eine „White Label Lösung“ sein. Das würde die Optimierung der Standorte ermöglichen, was kürzere Zustellradien rund um den Hub bedeuten würde. Dadurch wir der Umschlag je Cargo Bike wesentlich erhöht werden. Diese Hubs könnten auch als Paketannahmestelle bzw. Paketbox verwendet werden. Und die Cargo Bikes selbst können als Werbeträger mit gutem Image verwendet werden. Im Laufe der Zeit sollten die Anrainer*innen „ihre“ Zusteller*innen persönlich kennen und ein kleiner Schwaz gehört ebenso zum Service.

Workshops, Befragungen und Interviews mit allen Stakeholdern ergaben, dass der Grätzlhub zu einem neuen „großen Wohnzimmer“ in einem Grätzl werden könnte, der Mobilität, Logistik und Lebensqualität miteinander verbindet. Als multimodale Drehscheibe und Kommunikationspunkt können Grätzlhub neue und alte Stadtteile mit neuem Leben füllen und schaffen neue Chancen für lokale Wirtschaftstreibende sowie Anrainer*innen, die dadurch die Möglichkeiten bekommen, den öffentlichen Raum wieder für sich zu entdecken und nutzen. Dies stößt eine kollaborative und interkulturelle Stadt(teil)-Entwicklung an und bringt Menschen mit deren Ideen und unterschiedlichen Lebensformen wieder näher zueinander. Und es gibt eine Person in der Nähe, die immer erreichbar und ansprechbar ist.

Fahrradprojekte

Beate Hauser von Goodville stellte im Anschluss diverse erfolgreiche Radprojekte vor. Das Fahrrad wird immer mehr zum Lifestyle Equipment. Selbstredend kann man hier auch ansetzen, um neue umweltbewußte Zielgruppen anzusprechen. Bike Delivery als coole, pünktliche, persönliche und saubere Alternative zu den klassischen Zustelldiensten. Cargo Bikes und Pool Bikes werden als Branded Bikes zu fahrenden Werbetafeln, die innovativen Unternehmen ein positives und sympathisches Image geben und sie machen aus Teams gesünderes Teams. Mobile Fahrrad-Werkstätten sind ein Incentive für fahrradfahrende Mitarbeiter*innen, denn sie sparen sich die Zeit ihr geliebtes Fahrrad zum Service zu bringen und sind auch immer auf einem sicheren Fahrrad unterwegs.

Fahrräder setzen immer wieder neue Standards und finden sich heute nicht nur als Fortbewegungsmittel auf den Straßen, sondern auch als Bücherschränke, Bühnen, Deko-Elemente, Biokistl-Depot, mobiles Klo und vielem mehr.

HUBert

Andrea Buchecker stellte uns HUBert, ein Projekt des Thinkport VIENNA und dem Hafen Wien, vor. Dieses Pilotprojekt bündelt Zustellungen für eine Zustelladresse. Statt mehreren Botendiensten kommt nur noch ein Zustellfahrzeug zu einem Wunschtermin mit allen erwarteten Lieferungen. Wie das funktioniert? Ganz einfach, statt der eigenen Adresse gibt man HUBert als Zustelladresse an. Dorthin liefern dann alle Zusteller zB Post, GLS, dpd, TNT, UPS etc. an. Die Lieferungen werden gebündelt und je nach Kundenwunsch einmal wöchentlich oder auch täglich zu einer bestimmten Zeit geliefert. So stehen die Zusteller*innen nie vor verschlossenen Türen. Dieses Angebot wird mittlerweile vor allem von (kleineren) Gewerbetreibenden geschätzt, die nicht immer Zeit zur Annahme ihrer Lieferungen haben und in ihrem Geschäft keine unausgepackten Waren stehen haben wollen. Die Zustellung erfolgt zu einem Termin, zu dem die Empfänger*innen auch Zeit habe, die Waren auszupacken und kontrollieren. Es kann dies auch als Serviceleistungen für Mitarbeiter*innen eingesetzt werden, die sich dadurch Wege zu diversen Poststellen und Paketshops ersparen.

Diskussion

Wie funktioniert das Geschäftsmodell bzw. wie rechnet es sich? Ein Thema sei, dass es in der Mobilität nach wie vor keine Kostenwahrheit gäbe. In den meisten Projekten würden die Dienstleistungen zu einem Stundensatz angefordert und bezahlt. Ein langjähriges Projekt davon ist der Merkur am Hohen Markt, der diesen Service seit Eröffnung anbietet. Ab einer Bestellung ab € 50,00 ist die Zustellung innerhalb des gesamten Stadtgebietes gratis. Hier wird dieses Service gleichzeitig als Marketing-Tool gesehen, da die Fahrräder gebranded sind. Allein diese Fahrräder würden pro Jahr auf eine Kilometerleistung von rund 300.000 km kommen, was sehr beachtlich sei.

Wie kommen die Pakete in den Hub und welche konkreten Projekte gibt es? Es sei wichtig, dass die Zustellung von hinten erfolgen könne, damit der Eingang frei und einladend freundlich sei. In ländlichen Gebieten zB in Hainfeld würden damit Ortskerne wieder belebt und die Hubs werden zu einem neuen Treffpunkt. Leerstehende Geschäfte werden mit neuen Leben gefüllt und die Bezahlung der Dienstleistung „Zustellung“ finde auch immer mehr Akzeptanz.

Wie wird Sozialdumping verhindert? Der aktuelle Kollektivvertragslohn für Radbot*innen beträgt ca. € 8,71 brutto pro Stunde zuzüglich € 0,14/km wenn mit dem eigenen Rad gefahren wird. Goodville bezahlt den Radbot*innen ca. € 10,00 netto pro Stunde und die Bikes werden zur Verfügung gestellt und laufend gewartet. Das sei dadurch möglich, dass die Auftraggeber*innen den Botendienst als Mehrwert- und auch Marketing-Leistung sehen. Kund*innen und Zusteller*innen kennen sich mittlerweile und auch deren Bedürfnisse. Das schaffe Vertrauen und ein zufriedenes Miteinander. Das sei nur mit langjährigen Mitarbeiter*innen möglich, die hinter dem Konzept stehen. Vor allem ältere Personen würden diesen Service besonders schätzen, weil es ihnen auch Sicherheit gebe.

Wie ist es um die Sicherheit der Fahrer*innen bestellt und werden sie regelmäßig geschult? Ein Problem sei, dass vielen Radfahrer*innen nicht bewußt sei, dass sie sich bei LKWs in einem toten Winkel befinden. Die Bot*innen würden sehr wohl im Umgang mit dem Lastenfahrrad geschult. Bis dato gab es keine Unfälle, vor allem auch, weil viel Wert auf Sichtbarkeit der Cargo Bikes wert gelegt werde. Bei UPS in München gab es bei 18 Cargo Bikes erst zwei Vorfälle, die beide keine großen Schäden anrichteten. Einmal wurde ein Cargo Bike angefahren und einmal wurde das Bike nicht richtig gesichert und ist in ein abgestelltes Auto gerollt. Das heißt, die Zustellung mit Lastenfahrrädern sei eine sehr sichere Art der Zustellung.

Wie kommen die Waren in den Hub? Sie würden mit konventionellen Lieferfahrzeugen angeliefert. Beim HUBert werden sie an einen Hub auf dem Gelände des Hafen Wien angeliefert, dort gesammelt und dann zu den jeweiligen Zieladressen gebracht. Man müsse lediglich als Zustelladresse HUBert angeben.

Resumee

Alles in allem war der 1. DLC-Online-Stammtisch ein sehr gelungene Veranstaltung, die sich sehr gut als Überbrückung und Ergänzung des Angebotes an unsere Mitglieder eignet. Vor allem auch für Personen die nicht in Wien wohnen, sind sie eine gute Möglichkeit dabei zu sein. Trotzdem freuen wir uns alle auch wieder auf ein persönliches Zusammensein.

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